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«Erst echte Teamarbeit macht die Musik zu dem, was sie ist»
Die Musikerin und Musikpädagogin Sarah Marxer-Chong lebt seit rund drei Jahren in Liechtenstein und ist im August 2025 als Klavierlehrerin zum Team der Musikschule gestossen. Wir haben uns mit ihr über ihre bisherige musikalische Laufbahn unterhalten und sie nach ihren Plänen und Zielen gefragt.
Schön, dass wir dich kennenlernen dürfen, Sarah. Erzählst du uns, wo und wie du aufgewachsen bist?
Sarah: «Ich bin in Singapur aufgewachsen inmitten einer tropischen und schnelllebigen Grossstadt mit einem riesigen Angebot an allem. Typisch für meine Heimat sind eine grosse ethnische Vielfalt und die Präsenz verschiedenster Kulturen. Diese Merkmale sind auch im Schulsystem fest verankert. Dementsprechend haben Sprachen und Kulturen meine Kindheit geprägt. Zudem sind wir als Familie häufig in andere Länder gereist, um dort unsere Verwandten zu besuchen. So lernte ich neben den verschiedenen Sprachen schon früh andere Traditionen und Lebensweisen kennen.»
Welche Rolle spielte die Musik in deiner Kindheit?
«Bei uns ist es üblich, Kinder früh zu ermutigen, verschiedene Aktivitäten auszuprobieren. So haben auch meine Eltern mir die Möglichkeiten gezeigt und mich unterstützt. Musik gehörte für uns zum Alltag. Meine Eltern hören leidenschaftlich gerne Musik und so liefen praktisch zu jeder Tageszeit unterschiedlichste Klänge. In allen meinen frühesten Kindheitserinnerungen höre ich Musik im Hintergrund.
Eine Familientradition war auch, gemeinsam Filme zu schauen. Dadurch wuchs meine Liebe zur Musik und ganz besonders zur Filmmusik. Als ich mit drei Jahren anfing, auf dem Keyboard zu experimentieren und Melodien zu erschaffen, stand fest, dass ich dieses Instrument erlernen möchte.»
Wie verlief deine musikalische Laufbahn?
«Meine bisherige musikalische Reise fühlt sich für mich an wie eine Filmgeschichte, weil sie immer wieder überraschende Wendungen genommen hat. Ich hatte das Glück, bereits im Alter von drei Jahren den Gruppenmusikunterricht an der Yamaha School of Music zu besuchen. Dort wird nach einem eigenen Musiklehrplan aus Japan unterrichtet. Im Alter von sechs Jahren begann ich mit der britischen Ausbildung der Associated Board of the Royal School of Music in klassischer Musik.
Der erste Wendepunkt kam bereits im gleichen Jahr, als meine erste Lehrerin mich bat, für ein spezielles japanisches Zusatzprogramm vorzuspielen. Ich tat es und wurde angenommen. Dieses Programm bildet Kinder und Jugendliche in sämtlichen Bereichen aus, die ein professioneller Musiker beherrschen muss. Neben Einzelstunden auf den Instrumenten waren Gehörtraining und Transkribieren, Ensemblespiel, Komposition, Improvisation und Arrangement und vieles mehr Teil meiner Ausbildung.
Wir hatten schon in sehr jungen Jahren das Privileg, Studioaufnahmen zu machen und unsere Kompositionen und Improvisationen bei nationalen und internationalen Konzerten aufzuführen. Daneben absolvierte ich so viele Prüfungen, Auftritte und Wettbewerbe wie möglich, was dazu führte, dass ich mit 14 Jahren das ABRSM Classical Piano Performance Diploma und mit 16 Jahren das Sonderprogramm abgeschlossen hatte, was in meiner Heimat nicht unüblich ist. Ich durfte somit bereits professionell unterrichten, während ich weiterstudierte.
Meine Zeit am Gymnasium habe ich sehr genossen. Ich hatte dort die Freiheit, meine musikalischen Interessen aktiv zu verfolgen. Ausserdem wurde es mir ermöglicht, weitere Instrumente wie Klarinette, Tenorsaxofon und das balinesische Gamelan zu lernen. Die Kleinheit meines Gymnasiums war eine Besonderheit für Singapur. Diese hatte den Vorteil, dass unsere Lehrpersonen sich sehr stark für unsere künstlerischen Arbeiten interessierten und uns bei Aktivitäten und Planungen von musikalischen Projekten unterstützten.»
Wie ging es nach Abschluss des Gymnasiums weiter?
«Ich legte ein Zwischenjahr ein, in dem ich unterrichtete, mit verschiedenen Ensembles auftrat und für den Chor und das Orchester des Gymnasiums komponierte. Währenddessen sah ich mich nach Studienmöglichkeiten um, wo ich meiner Leidenschaft für Filmmusik und zeitgenössische Musik weiter nachgehen könnte. Es zeichnete sich ab, dass ich am Berklee College of Music in Boston genau das finden würde, wovon ich träumte. Es war mir klar, dass dies auch finanziell eine grosse Herausforderung werden würde. Dann kam der nächste Wendepunkt in meinem Leben: In diesem Jahr nahm ich an einem Wettbewerb für Filmmusik in Polen teil, der vom ersten Filmfestival in Posen organisiert wurde. Zufälligerweise war einer der Juroren der damalige Leiter der Abteilung für Filmmusik in Berklee. Er ermutigte mich, mich trotz meiner Bedenken wegen der hohen Studiengebühren zu bewerben, und riet mir, eine Bewerbung für das interne Stipendienprogramm einzureichen. Umso dankbarer bin ich, dass ich von Berklee eine Zusage für mein Studium im Hauptfach Filmmusik inklusive Stipendium erhalten habe.
Was ich in den sechs intensiven Jahren dort lernen durfte, hat mir enorm geholfen, zu wachsen. Inmitten dieser grossartigen, engagierten Professoren und unzähligen begnadeten Studentinnen und Studenten aus aller Welt, kam ich mir oft als die am wenigsten informierte und talentierte Schülerin im Raum vor. Es war ebenso lohnend wie demütigend für mich. Unvergessen bleibt die unfassbare Kälte dort mit minus 20 Grad im Winter, die für mich eine grosse Herausforderung war. Doch dank der wunderbaren Menschen dort, die alle verbunden waren durch die Musik, war es oft gefühlt so warm wie im Sommer. Alle waren äusserst lernbegierig und nicht selten arbeiteten wir die Nächte durch und teilten uns Pizza und Donuts auf dem Campus, anstatt auszugehen.
Wir wurden stets ermutigt, neben unseren eigenen auch andere Studiengänge zu erkunden. Ich tauchte in so viele Kollaborationen wie möglich ein und erlebte, dass Musik viel mehr mit echter Teamarbeit zu tun hat und weniger mit Wettbewerb und Konkurrenz.»
Nach deinem Studium in den USA gingst du zurück nach Singapur. Wie bist du schliesslich nach Liechtenstein gekommen?
«Mein Lebensweg brachte mich an die nächsten Abzweigungen. Im Gegensatz zu vielen meiner Studienkollegen ging ich zurück in die Heimat. Ich denke, dass sich Musiker idealerweise über die Ländergrenzen und Kulturen hinweg vernetzen und weiterentwickeln sollen. Daran konnte ich in den folgenden Jahren – auch während der Covid-Zeit – arbeiten. Ich genoss es, wieder in das sehr vielseitige musikalische Leben in Singapur einzutauchen und mit verschiedenen lokalen Musikern zusammenzuarbeiten. Schlussendlich brachte mich der nächste Wendepunkt hierher nach Liechtenstein, wo ich mit meinem Mann lebe, den ich in Berklee kennengelernt hatte. Er ist Schlagzeuger und ebenfalls Musiklehrer.
Als die Entscheidung feststand, hierher zu kommen, habe ich meine klassischen Orgelkenntnisse aus der Gymnasiumzeit aufgefrischt und wieder begonnen, auf der tragbaren Orgel der Schule zu üben. Ich ging davon aus, dass es eine Weile dauern würde, bis ich Deutsch gelernt habe und irgendwo arbeiten konnte. Umso glücklicher war ich, dass ich ein Vorspiel nutzen durfte und nun als Assistenzorganistin in Vaduz und als Organistin weiteren Gemeinden tätig sein darf. Mein Dank gilt den Priestern und Gemeinden, die mir als Neuankömmling vertrauten – und natürlich der Familie meines Mannes für ihre unschätzbare Unterstützung und Hilfe, besonders am Anfang.»
An der Musikschule unterrichtest du Klavier. Was fasziniert dich an diesem Instrument?
«Am Klavier, Keyboard und der Orgel liebe ich besonders, dass man eine Melodie und die Begleitung gleichzeitig spielen kann. Ich mag die üppige und reiche Harmonie ebenso wie die Möglichkeit, mehrere Rhythmen übereinander zu legen. Das Klavier eignet sich sehr für die Orchestrierung und Kompositionen für grössere Ensembles, da es sehr viele harmonische Möglichkeiten anbietet. Dank seiner aufgereihten Tonfolge vereinfacht es auch das Erlernen der Musiktheorie. Das Klavier war meine erste Liebe, danach kam das Singen dazu. Ich liebe es, Gesang und Klavierbegleitung zu vereinen und freue mich darüber, dass es auch einige meiner Schülerinnen interessiert.»
Welche Stilrichtungen spielst du am liebsten?
«Ich würde es so definieren: Musik, die eine Geschichte erzählt und Emotion auslöst, wie es in Filmen der Fall ist. Tatsächlich ist es die Mischung verschiedener Genres, die mich am meisten fasziniert. Ich spiele nach wie vor gerne Stücke im Original, doch oft schaltet sich dabei mein Kopf ein und fragt sich, wie diese oder jene Musik wohl in einer anderen Stilrichtung klingen würde. Diesbezüglich bin ich sehr experimentierfreudig.»
Und welche Eigenschaften benötigt ein guter Pianist?
«Wie alle Musiker braucht man ein gutes Gehör und ein Gespür für den Groove und die Emotionen. Mir hat es als Pianistin sehr geholfen neugierig und offen und dennoch geduldig zu sein. Man sollte in der Lage sein, beim Spielen gleichzeitig verschiedene Techniken anzuwenden und sich auch theoretisch hineinzudenken. So eröffnen sich viele Möglichkeiten, am Klavier die Eigenschaften anderer Instrumente zu imitieren.»
Wer sind deine Musikschüler und -schülerinnen und worauf legst du Wert im Unterricht?
«Ich habe bisher Schüler im Alter von 4 bis etwa 85 Jahren unterrichtet und schätze diese Vielseitigkeit. Die meisten spielen Klavier zum Vergnügen und haben verschiedene Vorlieben in Bezug auf ihr Repertoire. Ich lasse meinen Schülern gerne Raum für Kreativität und versuche, ihr Spiel mit einer persönlichen Geschichte und ihrer Lebenserfahrung zu verknüpfen. Auch wenn das Erlernen eines Instruments viel Disziplin erfordert, kann es nur funktionieren, wenn es auch Spass macht. Da die Schüler oft ermutigt werden, an Aufführungen oder auch Wettbewerben teilzunehmen, sehe ich es auch als meine Aufgabe an, ihr Spiel gemeinsam mit ihnen zu analysieren und sie bei der Bekämpfung ihres Lampenfiebers aktiv zu begleiten. Es ist spannend herauszuarbeiten, welche Methoden zur Beruhigung und Fokussierung für sie funktionieren.»
Hattest du selbst Musiklehrerinnen und Professoren, die dir ein Vorbild waren?
«Alle Lehrer und Professoren, von denen ich lernen durfte, sind meine Vorbilder. Sie alle waren trotz ihrer anspruchsvollen Jobs und hektischen Stundenplänen sehr fürsorglich gegenüber uns Schülern, was meines Erachtens etwas vom wichtigsten ist. Als Neuling geniesse ich es, meine Lehrerkollegen und -kolleginnen hier an der Musikschule kennenzulernen und mehr über ihre Erfahrungen, Geschichten und Einstellungen zu hören.»
Hast du Projekte und Engagements als Pianistin?
«Derzeit arbeite ich wie erwähnt als Assistenzorganistin in der Kathedrale St. Florin in Vaduz und unterstütze die wunderbare Hauptorganistin Stina Burkard. Zudem bin ich eine der Organistinnen der Kirche St. Laurentius in Schaan sowie in anderen Gemeinden in und um Liechtenstein. Ich Singapur habe ich zuletzt oft als Keyboarderin bei verschiedenen Veranstaltungen und im Studio gearbeitet. Hier durfte ich als Pianistin bereits einige Chöre begleiten. Weitere Projekte befinden sich noch in der Brainstorming-Phase. Ich schreibe, komponiere und arrangiere oft zu Hause mit dem Ziel, hier und/oder in Singapur ein Konzeptalbum zu veröffentlichen und Kollaborationen mit anderen Musikern von hier und dort aufzubauen.»
Wie und wo verbringst du deine Freizeit am liebsten?
«Ich lerne sehr gerne und interessiere mich für Sprachen, Psychologie, Kultur und Reisen. Aber auch mit den Themen Finanzen und Geschäftsangelegenheiten beschäftige ich mich. Das erfolgt meist durch das Lesen von Büchern, über Filme und den Austausch mit meinen internationalen Freunden. Schon seit Kindertagen tanze ich sehr gerne. Auch Kraft- und Ausdauertraining machen mir Spass, dafür reicht die Zeit allerdings nicht regelmässig. Wenn der Tag mehr Stunden hätte, würde ich gerne eine Form von Selbstverteidigung oder Kampfsport lernen und vielleicht auch Eislaufen – das erscheint mir künstlerisch schön und körperlich anspruchsvoll.»
Hast du Wünsche, Ziele und Pläne für die Zukunft?
«Ich komme aus einer anderen Ecke der Welt und habe nun das Glück, an beiden Orten ein Zuhause zu haben. Singapur und Liechtenstein sind beides friedliche und sichere Länder mit guten Lebensbedingungen und interessanten Kulturen. Mein Ziel ist es, diese zwei Länder und meine beiden privilegierten Leben zusammenzubringen, sowohl persönlich als auch musikalisch. Es gibt noch keine konkrete Idee, aber ich halte meine Augen und Ohren offen. Meine wertvolle Ausbildung, alle Menschen, die ich auf diesem Weg kennenlernen durfte, andererseits aber auch die Geschichten von Menschen, die in ihrem Leben mit Armut, Entbehrung und Konflikten konfrontiert sind, führen mich zu einigen Fragen, die ich zu beantworten versuche: Kann man etwas bewirken, wenn man die Musik zu denen Menschen bringt, die keine solchen Privilegien geniessen oder solche Chancen erhalten? Wie kann die Musik, die wir spielen, diesen Menschen dienen? Auf welche Weise kann sie echte menschliche Verbindungen und Empathie herstellen?
Das Einzige, dessen ich mir sicher bin, ist, dass die Zeit helfen wird, diese Fragen zu beantworten. Ich werde all diese kleinen Dinge weiterhin tun, um jeden Tag die Seiten meiner eigenen, sich entfaltenden Geschichte umzublättern und damit auch die Geschichten von allen um mich herum hoffentlich positiv zu beeinflussen.»
Sarah, vielen herzlichen Dank für deine Offenheit und die interessanten Einblicke in dein Leben.
(Interview: Anita Heule)